2. Bericht:Guernsey bis La Coruña / Spanien (10. bis 20. August)

2. Bericht: Guernsey bis La
Coruña / Spanien (10. bis 20. August)

Guernsey (10.-12.08.) ist unser Ziel unter den Kanalinseln. Jetzt, nach vier
Wochen Reise, haben wir erstmals das Bedürfnis zu wandern und uns mehr als gewöhnlich
zu bewegen. Oh je, bei den ersten Steigungen unserer Küstenwanderung, die
gleich am Hafen beginnt, bekomme ich ziemlich bleierne Beine. Aber bald wird es
besser, vor allem, weil das Wetter schlecht ist. Es fängt an zu regnen und wir
landen nach nur 4 km Wandern in einem schönen Café mit Meerblick. Wir
beschließen den Rest der Insel mit dem Bus zu umrunden. Das beschert uns sehr
bequem und trocken einen Überblick, mit einem erfrischenden Aufenthalt an der
flachen Nordküste. Begeistert klettern wir dort über spannende rundgewaschene
Felsen und beruhigt beobachten wir das Meer mit spritziger Gischt und Nebel –
kein einladendes Segelwetter. Am nächsten Morgen geht´s früh um 7 Uhr los.
Auslaufen über die Hafenschwelle ist hier nur mit Hochwasser (2 Std vor bis 2
Std nach HW) möglich, losfahren zu anderen Zeiten ist ausgeschlossen wegen der
Wassertiefe über der Schwelle in der Hafeneinfahrt. Leider.


Von Guernsey segeln wir mit immer noch diesigem Nieselwetter, aber angenehmen
2-4 Windstärken nach Süden zur Bretagne. Die nächsten Häfen Lezardrieux,
Trébeurden und L´Aber wrac ´h (sprich: Laberwrack) liegen alle etwas
landeinwärts in Flussmündungen. Die Ile de Bréhat mit ihren faszinierenden
roten Granitfelsen ist fantastisch und das Segeln durch die fjordähnliche
Landschaft des Trieux ist wunderbar. Vorbei an zahlreichen Jollenseglern und
Surfschulen segeln wir mit 3 / 4 Bft. in der Abendsonne durch die malerische
Flusslandschaft in den kleinen Hafen von Lezardrieux (12.08). Beim Segeln in
dieser Region ist man nicht allein vom rechten Wind abhängig, sondern ebenso
entscheidend ist hier, für Ostseesegler ganz ungewohnt, die Tide. Bei 3 kn
Strom fahren wir mitlaufend 8 kn , während gegen an nur 2 kn über Grund (kn =
Knoten = Seemeilen/Std), also brauchen wir für eine Strecke von 24 Seemeilen
entweder 3 Std oder 12 Std, je nachdem wie die Tide läuft. Da stehen wir gerne
um 6 Uhr auf um mit der Strömung aus der Flussmündung herauszufahren.

So kamen wir trotz Gegenwind und Schietwetter so gut voran, dass wir in
Trébeurden (13.08.) zunächst vorm Hafen an der Warteboje festmachen müssen.
Auch hier gibt es wieder so eine Schwelle und bei Niedrigwasser sieht die Mole
mit dem Hafen aus wie ein großer Pool. Jens nutzt die Wartezeit bis zum
Hochwasser, um hier erstmals von Bord aus zu schwimmen. Doch die Freude des
warmen Wetters währt nicht lange. Gerade als wir mit dem Hochwasser endlich im
Hafen festgemacht haben, beginnt es sehr kräftig zu regnen. Beim Landgang kommt
jetzt zum ersten Mal mein neues Ölzeug zum Einsatz: dem Regen trotzend, fahren
wir mit komplettem Ölzeug auf unseren Rollern bergan zum Supermarkt am
Ortsausgang. Barfuß in Sandalen, aber mit dicken Regenjacken und -hosen
schieben wir unsere Klapproller im Einkaufswagen durch den Supermarkt, werden
beäugt wie Marsmännchen und kaufen herrliche französische Spezialitäten ein.
Bei Spaghetti mit Scampis und leckerem Wein kann man das Wetter prima
ignorieren.

Am nächsten Tag wieder wenig Wind, 3 Std segeln und 8 Std motoren, aber
wenigstens klart es auf und bei abendsonnigem Sonntagswetter laufen wir in den
Hafen von L´Aber wrac ´h  ein. Später
macht die deutsche Yacht Kira aus
Datteln neben uns fest. Neugierig auf die Crew dieser voll beladenen Stahlyacht
vom Typ Reincke, schnacken wir nachts um halb eins mit der heimkehrenden Crew.
Claus und Tim haben fast zur gleichen Zeit in Deutschland ihre Leinen los
gemacht und wollen in vier Jahren um die Welt. Erfreut erstmals
Gesinnungsgenossen zu treffen, verschieben wir daraufhin am nächsten Morgen
unsere Weiterfahrt, um Claus und Tim näher kennenzulernen. Zu Viert mit 5
Laptops verbringen wir einen ersten gemeinsamen Tag auf der Chiloë. Tim und
Jens installieren auf Jens Rechner ein Navigationsprogramm mit den üblichen
Problemen von Treiber und Co. Claus chattet im Cockpit, ich sitze daneben und
rufe Jens unter Deck an, um meine Skype-Installation zu testen. Unser
intensiver Electronik-Kommunikations-Tag endet Abends beim gemeinsamen Grillen
auf dem Steg. Beim Ablegen am nächsten Morgen um 7 Uhr schaut Claus gerade wachgeworden
kurz aus dem Cockpit heraus. Die Kira-Crew startet mit einem neuen Rekord: 3
Minuten zwischen Aufwachen und Ablegen! So segeln wir gemeinsam los nach
Camaret-sur-mer, etwas südlich von Brest. In Camaret, unserem letzten Hafen vor
der Biskaya, machen wir letzte Vorbereitungen für unseren ersten längeren
Segelschlag. In der Hoffnung auf wärmere Zeiten wird die Solarzelle
angeschlossen und frisches Obst, Gemüse und Fisch für die Überfahrt eingekauft.
Das Baden im Meer ist für mich nach Oostende erst das zweite mal
Schwimmen.  Danach steigen wir ganz
fasziniert über und um den Schiffsfriedhof und nehmen uns Zeit für eine
ausgiebige Fotosession.

Eigentlich wären wir gerne noch etwas geblieben, aber die Wetterlage und Vorhersage
ist so günstig für die Biskaya, dass wir gleich am nächsten Abend, dem 17. 08.
um 20 Uhr die Leinen loswerfen und der Abendsonne entgegen segeln. Die Kira
startet gleichzeitig mit uns, so dass wir nicht ganz alleine unterwegs sind.
Auch wenn sie schon bald nicht mehr in Sicht sind, es ist ein anderes Gefühl
und über Funk telefonieren wir alle paar Stunden mal miteinander, bis der
Abstand zu groß geworden ist (über 30 sm). Sie fahren eine westlichere Route
und haben mit erheblichem Schiffsverkehr zu kämpfen. Wir fahren wegen dem
vorhergesagten Ostwind auf direktem Kurs Richtung La Coruña und die Biskaya,
das gefürchtet Meer, zeigt sich von seiner freundlichen Seite.

Wir segeln 3
Tage und 3 Nächte bei ruhigem Wetter und 
2-4 Windstärken. Herrlich – diese Ruhe, nichts anderes zu tun als zu
Segeln und nichts erledigen zu müssen, keine Probleme mit Laptop und
Internetzugang. Wir lesen zum ersten Mal, abwechselnd in unserer Wache im
selben Buch(James Warram: 2 Girls -2 Katamarane). Unser System, Wachwechsel
alle 3 Stunden, klappt gut. Alles ist wunderbar entspannt und wir genießen das
Leben auf dem Meer. In der zweiten Nacht flaut der Wind noch mehr ab und die
Segel fangen an zu schlagen, wenn wir in der Dünung rollen. Schließlich bergen
wir das Groß und schaukeln mit 3 kn durch die Nacht. Am nächsten Mittag,
motiviert durch eine vorbeiziehende andere Yacht, packen wir den Spinnaker aus
und segeln gut 12 Stunden unter dem ‚Ballon’. Dann um Mitternacht zum 20.
August werde ich geweckt –  der Wind hat
aufgebrist und mein Geburtstag beginnt mit dem Bergen des Spinnakers auf dem
Vorschiff, bei Böen von 4-5 Bft wird es Zeit das große Tuch in den Sack zu
bekommen.

Nach dem
Segelbergen gibt’s dann Sekt bei echtem Kerzenschein und imaginären Blumen. Zu
diesem Geburtstag kommen ganz besondere Gäste: Mittags begleitet uns eine
Gruppe Delfine, sie schwimmen ein Weilchen mit und um uns herum. Am
Spätnachmittag als die Küste dann 8 Meilen voraus sichtbar wird, weihen wir
unsere Solardusche auf dem Vordeck ein. Tatsächlich ist das Wasser in dem schwarzen
Plastiksack gut aufgewärmt und nach der Eimerdusche mit Salzwasser ist das
warme Süßwasser besonders angenehm.

 
Abends um 22 Uhr treffen wir in La Coruña ein. Wir haben es geschafft,
spätestens am 20. August in La Coruña zu sein. So gelingt es uns gerade noch
Jouke Lemmers zu treffen, der mit seinem Schiff, der Cherokee von Marokko zurück nach Holland Chartertörns fährt. Auf
seinem Schiff verbrachten wir im vergangenen Jahr unsere ersten gemeinsamen
Segelstunden genau in diesem Revier. Ein fröhliches Wiedersehen und wir sind
besonders interessiert wie das Segeln in Marokko war, planen wir doch diese
etwas weniger befahrene Route zu den Kanaren zu wählen. Um halb Zwölf gehen wir
auseinander. Wir lassen uns entspannt treiben und gehen den Ohren nach bis wir
auf dem großen, umbauten Rathausplatz ankommen. Tatsächlich – es ist super gute
Livemusik, eine Dire-Straits-Coverband. Klasse!! So freuen und tanzen wir auf
dem illuminierten Platz bis Nachts um 1 Uhr. Ein wunderbarer Ausklang meines
Geburtstages und einer guten Überfahrt.


Claus und Tim von der Kira verpassen diesen super Musikevent. Verwundert warten
wir den ganzen nächsten Tag auf ihr Eintreffen, und dann um Mitternacht rufen
sie an,  sie melden sich von See,
brauchen noch 2 Stunden und leiden unter Nikotinentzug. Per Satellitentelefon bestellen
sie bei uns eine Packung Marlboro. Nachts um 2 Uhr (28 Stunden nach unserer
Ankunft) nehmen wir ihre Leinen an und hören bei Zigarettenrauch und Bier von
ihrer Biskayaüberquerung. Im Gegensatz zu uns haben sie selbst bei nur 1,5
Knoten Fahrt ihren Motor nicht angeschmissen. Stattdessen Deckchairs auf dem
Vordeck aufgestellt und lesend, nach alter Seemannsmanier die Langsamkeit des
Reisens ausgehalten. Nun solche Hardliner sind wir dann doch nicht.  

Während der 345 sm Biskaya haben wir 8 Stunden den Motor laufen lassen. Im
Vergleich zu den 115 Motorstunden auf 1300 sm der Gesamtstrecke eine
erträgliche Zeit.



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