14. Bericht: Kap Verden – Weihnachten und Silvester auf Sao Vicente (19.12.2011-06.01.2012)

Der Wetterbericht war gut und so verlassen wir nach 6 Tagen am Sonntag Sal. Die 118sm nach Sao Vicente machen wir in nur 22 Stunden, doch die sind nicht besonders angenehm. Aufgewühlte See mit Schiffsschaukelei, die jedem Kirmesfahrgerät die Show stiehlt. Werde schnell seekrank und zudem traurig. Nach 6 Tagen sind wir gerade etwas eingelebt, die  Fischer grüßen schon mal, man weiß immer mehr von den anderen Ankerliegern und ein besonders intensiver Austausch war mit Marion und Harald unseren Nachbarn mit dem Katamaran Rufus II entstanden. Eine gemeinsame Wellenlänge und unkomplizierte, herzliche Nachbarschaft war entstanden, sodass wir nach 2 Tagen ein so vertrautes Gefühl hatten als würde man sich schon lange kennen. Mit der von Harald erworbene Aktivantenne hatten wir nach stundenlangen Installationsversuchen schließlich kostenfreien Internetzugang am  Ankerplatz. Damit hätten wir hier in aller Ruhe unsere Fotokalender für die Familie zu Weihnachten fertigstellen können. Aber irgendetwas trieb uns zur Weiterfahrt. Als wir nach 2 Stunden auf See feststellen, dass wir eigentlich noch gerne geblieben wären, wenden wir, doch der Gegenkurs war so nicht machbar. Also bei 4-5 Windstärken und chaotischer See segeln wir weiter nach Sao Vicente.

Mit Tageslicht segeln wir nördlich an San Nicolau und San Vicente vorbei. Begeistert genießen wir die spektakuläre Felsküste mit ihren vielfältigen und spannenden Konturen. 

Die Marina Mindelo ist der einzige Yachthaven auf den gesamten Kap Verden, immerhin ein Dutzend bewohnte Inseln. Nach 2 Wochen ohne, brauchen wir Wasser und Landstrom, um unsere Bordbatterie mal wieder richtig aufzuladen. Also gehen wir erst mal in die Marina und ankern später. Im Vergleich zu den Orten auf Sal ist Mindelo eine richtig große Stadt, auch wenn es nur 60.000 Einwohner gibt.

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Cesaria Evora, die bekannteste Sängerin der Kap Verden ist am Samstag gestorben. Die Botschaft war in wenigen Stunden auf allen Inseln rum, Staatstrauer an drei Tagen. Der Dienstag ist ein halber Feiertag. Alle Geschäfte haben ab Mittag geschlossen, um 15.30 Uhr findet die Trauerfeuer im ehemaligen Gouverneurspalast statt. Evoras Musik ist international bekannt und so wurde sie zu einer Botschafterin kapverdischer Kultur in der Welt. Jens besitzt seit Jahren CDs von ihr, wir hören und schätzen ihre Musik. Also wohnen wir der öffentlich übertragenen Trauerfeier mit vielen tausenden Kapverdianern bei. Unsere Spanischkenntnisse helfen zumindest einen kleinen Teil der vielen Reden zu verstehen.

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Am nächsten Tag – beim 3. Versuch- hat dann die Post endlich geöffnet. Wir erwarten Päckchen von Liros und meiner Familie, es weihnachtet. Wir haben einen Abholschein. Stehen damit in der falschen Schlange an, aber die Kapverdianerin ist freundlich und geht für uns das Paket im Paketraum holen. Dauert alles, vor allem auch, weil die Kommunikation nicht ganz einfach ist. Jens hatte zwar vor der Reise  angefangen portugiesisch zu lernen, aber das reicht hier nicht. Nach ca. einer Dreiviertelstunde halten wir ein Päckchen in den Händen. Ein Aachener Printenweihnachtsbaum und selbstgebackene Vanillekipferl von Renate, lieb und lecker!! Ein zweites ist auch da, aber dafür fehlt der Abholschein. Der ist inzwischen in der Marina aufgetaucht.  Am nächsten Tag gibt’s damit dann das zweite Päckchen von meiner Schwester und ihrer Familie aus Lüneburg mit Heidehonig und Salami, selbstgebackenen Plätzchen von meiner Schwester  Anja und Alina, sowie eine CD. Echt Weihnachten. Und das Paket mit der Reffleine von Liros gibt’s dann auch ohne Abholschein. Ebenso bekomme ich einen dicken Brief überreicht. Auch wenn es den Eindruck macht, als würde alles nach und nach aus den Ecken hervorkommen – so ist aber doch alles (nach gut 2 Wochen) angekommen. Für Weihnachten sind wir nun bestens gerüstet. Wir hätten es niemals gedacht, kaum zu glauben, doch wir haben 8 Sorten selbstgebackenen  Weihnachtsplätzchen fern der Heimat von unseren Lieben daheim bekommen.

Am 24. Dezember sind wir zeitig morgens um 10 Uhr auf dem Fischmarkt. Spannend und appetitlich ist die Auswahl an kleinen und großen Fischen und  Meeresfrüchten. Wir kaufen Muscheln (wie heißen sie nur?) und riesige Thunfischsteaks.

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Fisch ist hier immer frisch und sehr preiswert (Thunfischfilet 3,50 €/Kg). Alle anderen Lebensmittel sind eher teuer, kaum vorzustellen wie die Kap Verdianer sie bezahlen können. Aber 90 % der Lebensmittel werden importiert. Das Meer gibt ihnen alles, das Land nichts, hören wir von einem hier lebendem Franzosen. So verschwindet Fleisch fast ganz aus unserem Speiseplan, und wir wagen uns an gut aussehende unbekannte Fische. Zu Weihnachten fein zubereitet in einer CurryCocossauce. Obst und Gemüse gibt es auf dieser sonnigen, aber kargen und wasserarmen Insel nur in geringer Auswahl.

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Am 24. machen wir dann unseren ersten Ausflug. Wir fahren mit einem Aluguer (Sammeltaxi) nach San Pedro, einem Fischerort mit schönem Strand und einem Leuchtturm mitten in der Felswand. Der Aluguer ist mit 18 Personen und diversen Tüten Weihnachtsgeschenken randvoll geladen. Wir sind die einzigen Touristen in dem Kleinbus, der eigentlich nur 15 Plätze inkl. Fahrer hat, doch wenn man zusammenrückt passen auch 18 rein. Nach 20 Minuten steigen wir in San Pedro aus, laufen den menschenleeren Strand entlang bis zum anderen Ende der Bucht, wo Jens den Einstieg zum Weg zum Leuchtturm kennt.

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Von Ferne kaum zu glauben, dass man an dieser steilen Felsküste bis  zum Leuchtturm gehen kann. Wir gehen eine gute Stunde, bleiben immer wieder staunend stehen.

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Ein großartiges Panorama über die Bucht und sensationell die wie von Menschenhand geschaffenen vulkanischen Felsmauern, die unseren Weg durchschneiden. Zur Kaffezeit gibt´ s nen Picknick mit dem Weihnachtsgebäck aus der Heimat.

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Heiligabend ist in Mindelo recht unheilig. Jens kehrt Jens ganz überrascht von seinem kleinen Spaziergang durch die Stadt zurück: alle Plätze sind voll, vor allem jede Menge Kinder. Für sie gibt es Kindertheater, Unterhaltungsprogramm bis 22 Uhr, danach geht man Pizza essen.

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Bei uns gibt’s Spaghetti mit Muscheln, vom Aussehen sind sie Jacobsmuscheln etwas ähnlich, das Fleisch ist nur fester. Und zum Nachtisch – Schwarzwälderkirschtorte!, wegen der Kühlung erstmal nur ne  Halbe. Eine Tradition die Jens sich nicht nehmen lässt. Ein super leckeres Fischcurry erstmals nach Rezept aus unserem Fischkochbuch gibt’s am folgenden Tag. Zu Weihnachten haben wir uns eine Flasche kapverdischen Weißwein von der Insel Fogo gegönnt, eine Delikatesse mit fruchtig trockenem Geschmack. Der Feiertag ist geruhsam, wir führen Gespräche über den weiteren Verlauf der Reise. Fragen die vor allem Jens beschäftigen. Jens erfüllt mir einen Wunsch und beginnt erstmals eine Skulptur an Bord zu bauen – nun hängt eine kleine Barke bei uns im Salon, wie schön!!

 

Die nächsten Tage widmen wir ganz dem Schiff. Am 2. Weihnachtstag bekommen wir Besuch, der uns den Rest des Tages beschäftigt. Wir sichten eine, die 1. Kakerlake im Cockpit. Das löst einen Großalarm bei uns aus, heißt es doch, wenn man ein Tierchen sieht, dann sind mindestens 100 da. So sieht es am 26. bei uns ganz unweihnachtlich aus: alle Bodenplatten werden im Cockpit geschrubbt und desinfiziert, ein großer Hausputz steht an.

An Weiterfahrt ist nicht zu denken von Weihnachten bis Neujahr gibt ordentlich Wind und Welle. Wir machen noch einen weiteren Ausflug an die Nordküste der Insel. In Salamanca prallen Welten aufeinander: ein kleines mittelloses Dorf und am Strand Kite-Surfing. Im nächsten Ort Baias de Gatas treffen wir auf die rauhe Nordküste. Von See sah sie so reizvoll aus, von Land ist der Zugang zum Meer hier gar nicht möglich, ein endloses Feld von Basaltsteinen statt Strand und zudem heftig brechende Wellen aus Nordost.

 

Die Nachbarinsel San Antão erkunden wir ohne Chiloë. Morgens um 7.30 Uhr geht eine Fähre, die uns in einer Stunde rüber bringt. Der Seegang ist selbst auf dem großen Fährschiff beträchtlich. Drei Tage zuvor war die SY Tamora angekommen. Sie hatten wir zuletzt auf La Gomera gesehen. Wir feiern Wiedersehen mit Schwarzwälderkirschtorte von Jens und ner Flasche Prosecco.

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Den Ausflug nach San Antão machen wir zusammen, mieten uns zu viert einen Aluguer. San Antão ist grün, diese nordwestlichste Insel hat der Inselgruppe den Namen gegeben. Wir fahren von Porto Novo im Süden nach Ribeira Grande an der Nordküste. Die rund einstündige Fahrt geht quer über  den  Gebirgskamm von 0 auf 1300 Meter. Wir sind total begeistert, lassen den Fahrer alle naselang stoppen, immer wieder gibt es neue Blicke in terrassierte Täler auf bizarre Felsen und kleine Hütten. Unerwartet ist es zwischendurch richtig frisch, es ist windig und zum Nachteil der Fotografen sind leider oft ein paar Wolken zuviel da. Über eine gepflasterte an die Steilküste gebaute Straße erreichen wir Ponta do Sol, den nördlichsten Punkt der Insel und zugleich der Kap Verden. Um den kleinen Hafen siedelte sich im 19. Jh ein Fischerdorf an, heute liegen hier nur noch kleine Ruderboote. In Paúl gibt’s eine Mittagspause. Ein kleiner Ort entlang der Küste unter riesig hohen Kokospalmen. Wir besuchen eine Rum-Destillerie. Nein eigentlich wollte ich diesen Programmpunkt, den uns der Fahrer vorgeschlagen hat, nicht mitmachen – kenn ich doch schon, dachte ich. Die traditionellen mit Zuckerrohrwedeln bedeckten Dächer hatten mich aber schon bei der Einfahrt in den Ort angezogen. Genau hier hinter Mauern versteckt (ohne jeden Hinweis) gab´s die Schnapsbrennerei. Es gab einiges zu sehen im Schatten eines den  Innenhof überragenden Baumes: eine uralte, traditionelle Zuckerrohrpresse,  einfache Leitungen und Plastikkanister für den Gärprozess. Die Ochsen, die die Presse antreiben, ruhten im offenen Stall nebenan, frei laufende Hühner und am Boden saß ein Mann, der unermüdlich Mandeln knackte. Groque heißt der Rum, der hier auf den Kap Verden erzeugt wird und  ursprünglich als reiner Zuckerrohrschnaps gebraut wurde.

Allein von Paúl aus, könnte man eine ganze Woche lang spannende Wanderungen unternehmen. Leider haben wir dazu keine Zeit, unsere letzte Fähre geht um 17 Uhr zurück.

Seit unserer Ankunft hören wir auf den Straßen und Plätzen von Mindelo Musik, immer wieder dieselben Lieder, ein Weihnachts- und Neujahrs-Sampler, die CD des Jahres. Jetzt zu Silvester wird eine große Bühne aufgebaut, quer über die Straße. Andere Segler erzählen von dem Funkensprühenden Feuerwerk, man möge sich in Sicherheit bringen. Wir beschliessen an unserem Ankerplatz zu bleiben, von dort aus haben wir die beste Sicht auf das Feuerwerk am Strand. Um Mitternacht trinken wir Sekt, erst mit der Tamora, dann allein bei uns an Bord.

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Es gibt ein zentrales Feuerwerk, und das kann sich durchaus sehen lassen. Und tatsächlich fliegen uns so einige Raketenreste in Form von Staub und Papier um die Ohren. Aber alles o.k., keine Gefahr.  Anschließend ziehen wir los auf die Straße zur Livemusik, die begann um Mitternacht und spielt bis 2 Uhr. Eine große öffentliche Silvesterparty, ohne Bierstände und dem Augenschein nach ohne Alkohol auf der Straße. Beim rumziehen durch die Stadt entdecken wir noch weitere Partyorte, in Hotels oder Restaurants, doch die kosten alle umgerechnet 30 Euro, also nichts für jedermann, doch gut besucht von zahlreichen jungen Leuten.

Der  Wetterbericht kündigt gemäßigten Wind und Welle für den 3. Januar an. Marion und Harald von der RufusII, kündigen sich ebenfalls für diesen Tag an. Wir beschließen zu warten und nochmal einen Tag mit ihnen zu verbringen. Sie waren über Weihnachten in Deutschland, haben Weißwürste mitgebracht und so gibt´s eine bayrische Brotzeit mit Weißwürsten, süßem Senf und Weizenbier. Ich freue mich besonders über das Wiedersehen, auch wenn unsere Stimmung schon ein wenig vom Aufbruch zur  Atlantiküberquerung geprägt ist. Drei holländische Schiffe und ein französisches haben Brasilien als Ziel und sich zum gemeinsamen Aufbruch über den Atlantik verabredet. Wir schließen uns an, auch wenn unser Schiff kleiner und langsamer sein wird. Über Funk zu festgelegten Zeiten morgens und abends wollen wir alle im Kontakt miteinander bleiben. Eine angenehme Aussicht sich nicht ganz allein auf dem weiten Ozean zu wissen.

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Nach diversen kleineren Arbeiten und letzten Einkäufen, vor allem Wasser und Müsli, ist es dann am 4. Januar soweit.  Die anderen Schiffe laufen vormittags aus, wir haben noch zu tun. Ich gehe morgens um 8 Uhr noch zu einem Chiropraktiker. Schmerzen am Ischias hatten mich gequält bis ich ein Schmerzmittel nahm. Ferndiagnose und Hilfe von zwei Krankengymnastinnen (Freundin Silvia und Schwester Anja) halfen nur bedingt. Da kam die Info vom französischen Chiropraktiker gerade recht, er lebt auch auf einem Segelboot, liegt für einige Monate im Hafen und praktiziert vormittags in einem angemietetem Raum, wo seine Massagebank steht. Nach einigen kräftigen Handgriffen war alles wieder gerichtet, eine gute Basis für die lange Seestrecke. Während Jens letzte Vorbereitungen am Schiff macht, brate ich zwanzig Frikadellen als Proviant. Zum Abschluss gehen wir mit Harald und Marion, die uns die letzten Stunden ganz geduldig begleiten, noch einen letzten Café in der Marinabar trinken und dann geht’s schließlich um 17 Uhr los.

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