17. Bericht: Brasilien (1) – Fernando de Noronha

 

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7.20h Land in Sicht! Fernando de Noronha, 280 km vor der Küste, ist unser erstes Ziel in Brasilien und was für eins! Das Archipel ist ein Naturreservat und gehört seit 10 Jahren zum Weltnaturerbe. Kleine vorgelagerte felsige Inseln und eine markant empor kragende Felsnase (300m hoch) auf der einzig bewohnten Insel  bannen unsere Blicke. Schöner kann der Landfall kaum sein. Und das ist auch gut so, denn wir fiebern dem festen Boden unter den Füssen keineswegs entgegen, die Seezeit genießen wir immer wieder sehr.

 

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Zwischen den zahlreichen Booten, die hier außerhalb des winzigen Hafens liegen, drehen wir ein paar Runden unter Motor bevor der Anker fällt. Die meisten Fischer- und Ausflugsboote sind an Muringbojen festgemacht,  nur 4 Segelschiffe ankern. Unsere Logge macht keine (Tiefen-)Angaben –   mal wieder passend, dieser Geräteausfall! Zum Glück sehen wir eine Segelcrew an Deck stehen und sie gibt uns die Wassertiefe an. Gut, 12 Meter, da können wir beruhigt den Anker fallen lassen und 40m Kette raus lassen. Um 9.30 (was Ortszeit 8.30 ist) liegen wir vor Anker.

Als erstes gibt’s ein gemütliches Frühstück mit handgepresstem Orangensaft (wie immer). Super  Panorama hier und der immer wieder beschriebene große Schwell an diesem Ankerplatz stört uns nach 14 Seetagen gar nicht, schließlich sind wir doch immer noch auf dem fast offenen Atlantik.  Schlauchboot aufpumpen, klar Schiff machen und dann geht’s an Land zum Einchecken und Geld besorgen.

Das Office zur Immigration befindet sich in einem kleinen Holzhaus direkt überm Hafen. Ein Raum mit zwei Tischen und drei alten Bürodrehstühlen steht offen, das Personal wird per Telefon informiert und kommt nach 10 min an. Zwei Männer der Policia Federal, „in T-Shirt, Bermudas und Schirmmützen, sehr relaxed und superfreundlich“ notiert Jens im Logbuch. Wir haben noch keine brasilianischen Real (die hiesige Währung), kein Problem, zahlen wir eben am Nachmittag. Einer von der Policia Federal spricht etwas englisch und bietet uns eine Mitfahrgelegenheit im Polizei-Pick-up zum Hauptort der Insel an. In diesem Dorf versuchen wir vergeblich Geld zu ziehen, die Automaten der Bank geben uns  keines, denn internationale Karten funktionieren nur an besonderen Geldautomaten.

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Die nächste Möglichkeit gibt’s am Flughafen, wir nehmen einen der halbstündig über die Insel fahrenden Busse  und am Flughafen klappt´s dann mit der Geldmaschine, puh!!! An brasilianische Währung  hatten wir vor unserer Abreise in Deutschland gar nicht gedacht, wäre aber angenehm  gewesen, denn so konnten wir nicht mal nen Wasser kaufen. Auf den Kap Verden war Euro noch eine Schattenwährung, das ist hier jetzt vorbei. Überraschend pralles Leben in der mini Flughafenhalle, es ist gerade Zeit für die An- und Abfahrt einer Maschine und entsprechend Betrieb. Zurück mit dem Bus, schauen wir uns die zwei Supermärkte der Insel an und kaufen Brot, Apfelsinen und sind froh genügend Vorräte an Bord zu haben. Ein bescheidenes Angebot und das zu teuren Preisen.


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Wir genießen es die letzten Kilometer zum Hafen zu Fuß zu laufen. Ich bin neugierig auf die kleine Kapelle, die einsam auf einem Hügel am Hafen steht. Während Jens zum Hafenmeister geht, um unsere Liegegebühren (für den Ankerplatz!) zu bezahlen, erklimme ich den Hügel. Die Kondition reicht gerade noch für den Hügel. Kaum bin ich ihn erklommen, bin ich schon mittendrin im Openair-Gottesdienst und der Prediger spricht mich freundlich an, lädt mich ein hinzukommen.  In dieser  ungezwungenen Atmosphäre drehen sich jetzt alle dem Sonnenuntergang zu, und einige, einschließlich der Pfarrer selbst beginnen zu fotografieren.

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Und während ich mich staunend und selbst fotografierend entferne, sagt Jemand im akzentfreien Deutsch zu mir „so was gibt’s nur in Brasilien!“ – allerdings! Das sagte ein Brasilianer, der in Augsburg aufgewachsen ist.

Am nächsten Morgen, während wir unser Frühstück zubereiten, sehen wir ein Segel am Horizont. Die SY La Matine naht, und wir sind gespannt Leon unseren Weggefährten der Atlantiküberquerung zu treffen. Wir hatten ihn auf Brava kurz vor unserer Abreise kennengelernt und nur 10 Minuten von Boot zu Boot mit ihm gesprochen. Jetzt sind wir neugierig auf diesen Leon, der uns täglich neben der Positionsangabe poetische Worte auf französisch simste.

In Erwartung seines Eintreffens ein Aufschrei von Jens – sein Fuß ist verbrüht! Nach vierzehn bewegten Seetagen, geschieht vor Anker, wovor wir uns immer in Acht nahmen. Nach dem Aufgießen unserer beiden Thermosteekannen stellt Jens die  Kannen wie immer verschlossen auf den Cockpitboden. Doch aus unerklärlichem Grund, dreht er einen Kannenverschluss wieder halb auf. Im Schwell kippt die Kanne um und der kochend heiße Tee läuft über seinen Fuß. Verdammt! Sofortmaßnahme kaltes Wasser, dann kommt unser Seadoc – Trainingswochenende und die Medizintasche zum Einsatz. Handschuhe, Desinfektionsspray, Skalpell, Fettsalbe, aluminiumbeschichtete Kompressen für Brandwunden – wir haben alles dabei. Jens flucht und ärgert sich maßlos über sich selbst und sieht seine Erkundung der Trauminsel schwinden.

Unsere Diagnose: Verbrennung 3. Grades, die Wunde ist knapp handtellergroß. Ich beginne meinen Einsatz. Nach gut einer Stunde ist der Fuß versorgt und verbunden.

Inzwischen hat Leon neben uns geankert und kommt mit seinem Dinghi zu uns herüber. Wir trinken gemeinsam Tee freuen, erzählen und freuen uns über die gelungene Atlantiküberquerung.

 

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Der Einhandsegler ist ausgeschlafen! Er hat nachts (einfach) geschlafen und seinem elektronischen Radar-Warnsystem die Wache überlassen.  Wir verbringen unseren Tag wie geplant mit einem Ausflug und das zu Dritt. Jens packt seinen Fuß zum Schutz gegen Wasser in eine  Plastiktüte und wir fahren an Land. Wie Leon müssen auch wir noch mal zur Hafenbude.  Die zwei netten Polizisten der Policia Federal kümmern sich heute um Leon, dann sind drei junge Männer der Capitania  gekommen und nochmals zwei Herren der Policia Militar, die uns eine Einweisung in den Naturschutz geben. Gar nicht verkehrt, denn es gibt hier einiges zu beachten: Nur einige spezielle Bereiche dürfen betreten werden, Verhalten gegenüber den Tieren, die hier zahlreich leben. Neben Echsen und großen Vögeln (z.B. Tölpel), leben hier etliche hundert Delfine in einer sehr reichen und intakten Unterwasserwelt. Die Inseln gelten als das brasilianische Galapagos und werden von vielen Tauchern besucht.  Daher zahlt man nicht nur fürs Schiff, sondern auch für die Personen (ca. 20 € pro Person und Tag). Nach zähen Verhandlungen, mit Tipps von zwei französischen  Seglern, die wir am Vorabend trafen hat Jens einen guten Gesamtpreis ausgehandelt. Nur 50 € pro Tag für einen Ankerplatz ohne Steg, Strom, Wasser oder gar Wifi.

Dann geht’s mit dem Bus nach Vila dos Remédios und von dort runter zum Strand. Unser Reiseführer gibt eine Wanderung an der Nordküste an, über gleich neun der schönsten Strände der Insel. Und das sollen zugleich die schönsten Strände Brasiliens sein, na wir sind gespannt.

 

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Türkisfarbenes Meer, langer weißer Sandstrand, kaum Menschen und unter Palmen eine kleine Bar! So hatten wir uns Brasilien vorgestellt – traumhaft!!

 Gleich an unserem ersten Strand, der Praia de Conceição, machen wir Pause. Nutzen den Schatten (bei ca. 33 Grad), bestellen kühles Bier und Leon, und ich laufen über den Strand ins Meer – angenehm, zum  ersten Mal im Meer in Brasilien!

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Das Wasser hat konstant 26 Grad, erst die Verdunstungskälte beim Rausgehen erfrischt kurzzeitig. Armer Jens – er war meist vor mir im Wasser, am liebsten schon vor dem Frühstück – nun sitzt er auf dem Trockenen, und das gleich für die nächsten Wochen. Doch wir freuen uns, dass er diese wahrhaftigen Traumstrände zumindest zu sehen bekommt und diese Wanderung überhaupt mitmachen kann.  Außerdem ist Leon ein witziger Unterhalter und die Ablenkung nach der Katastrophe auch eine gute Medizin.

 

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Wir laufen über eine Reihe von acht wunderbaren Stränden, mal kleinere, mal größere Buchten, zwischendrin müssen wir über ein paar Felsen am Fuß des Morro de Pico, dem 300m hohen Wahrzeichen der Insel klettern, um zum nächsten Strand zu kommen. Dort, an der Praia de Boldró finden ein menschenleeres paradiesisches kleines Lokal, niemand da. Leon nimmt ungeniert auf dem Korbsofa Platz und schmust mit der Katze und dem angeleinten Hündchen des Hauses.  

 

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Ein Gästezimmer mit Glasfront zum Strand gibt’s auch, das wäre unsere Traumpension. Aber wir haben unser Zuhause ja dabei und hören später, dass die Zimmerpreise auf der Insel regulär zwischen 100 und 300 Euro liegen.

 

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Die Wanderung endet nach einigen Pausen und Stunden an der Baia dos Porcos. Schweinebucht klingt nicht reizvoll und eigentlich hatte ich auf sie verzichten wollen. Jens und Leon bleiben auf dem Pfad kurz hinter der Felskuppe über die wir steigen müssen sitzen und bedeuten mir mich leise zu näheren. Sie sehen Schweine – Meerschweinchen! wie ich schnell identifiziere. Na klar, was für Schweine sollten es hier am Meer sonst sein. Irgendwo müssen diese Haustiere ja schließlich in der Natur zu finden sein. Doch damit hatte ich beim Lesen des Namens nun gar nicht gerechnet.

Die kleine felsige Bucht erweist sich bald als sehr tierreich. Hier gehen wir wie vor uns zwei andere Besucher (wir treffen hier nur brasilianische Touristen) schnorcheln. In der winzigen durch die Felsen geschützten Bucht finden sich allerlei Fische, leuchtend blau, grün, klein und groß (vielleicht 80 cm). Leon war weiter raus geschwommen als ich, wieder zurück macht er mich gerade mal 15 Meter vor dem Strand auf etwas aufmerksam. Wie toll, ich sehe eine Wasserschildkröte, etwa 60/70cm Durchmesser,  ich schnorchel direkt über ihr, während sie sich ganz langsam bewegt, nicht besonders scheu. Super –  ich bin glücklich endlich mal eine Wasserschildkröte gesehen zu haben! Auf den Kap Verden hatte ich sie verpasst und hier haben wir um sie zu sehen noch einen Strand auf der Ostseite für den Nachmittag geplant, weil dort der Hauptrevier der Schildkröten ist, die es hier in großer Artenvielfalt geben soll. Leon hatte aber hier schon zwei weitere gesehen und ein Rochen.

Während wir die Unterwasserwelt erkunden, teilt Jens den einzig schattigen Platz unter einem Baum mit einem nichtschwimmendem Brasilianer, dessen Frau neben uns schnorchelt. Das in Boston lebende brasilianische Paar macht hier Urlaub. Er hat Jens und uns die Mitnahme im Buggy, dem vergnüglichen Inselgefährt für Touristen angeboten, sehr praktisch und angenehm, denn der Fußmarsch über die Staubstraße zur nächsten Bushaltestelle ist unattraktiv und mühsam.

Außerdem erfährt  Jens, dass es der Traum aller Brasilianer ist, einmal nach Fernando de Noronha zu reisen und dass Viele lange dafür sparen. Wie gut, dass wir das nicht ausgelassen haben! Viele Segler meiden diese Insel, wegen der teuren Preise. Aber es lohnt sich und das Geld kommt der Umwelt zugute. Es ist wie so oft, Alle, die selbst hier waren schwärmen davon. 

Wir werden am Flughafen abgesetzt, von dort geht’s mit dem Bus zur geschützten Bucht an der Ostküste, der Baia de Sueste. Die ist vor allem für Taucher interessant, denn hier ist ein großes Revier der Schildkröten, von dem wir aber nichts zu sehen bekommen.

 

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Zum Abschluss dieses Tages und unseres Aufenthalts gönnen wir uns ein Abendessen im Restaurant Mergulhão, mit wunderbarem Blick nach Westen und über den Hafen gelegen, ist es modern und Lounge-mäßig gestaltet und hat zudem eine sehr attraktive Speisekarte. Als Aperitif gibt´s hier dann endlich den ersten Caipirinha, unser Welcome-Drink nach dem Atlantik. Vor dem Essen dusche ich im Restaurant, es gibt eine zum Meer hin offene Nische mit einem einfachen Wasserrohr ohne Duschkopf, aber mit sattem Wasserstrahl. Sie liegt recht unauffällig neben dem Kücheneingang, insbesondere fürs Personal gedacht. Eine weitere bemerkenswerte Dusche auf unserer Reise. Dort nehme ich im Bikini eine Süßwasserdusche, die gab´s auf dem Atlantik nur 2 Mal.  

Das Essen schmeckt so gut wie es aussieht. Fisch mit Kokosreis und Gemüse und ein brasilianischer Fleischtopf; ein Nachtisch für drei wäre ausreichend genug gewesen, meine ungezügelte Neugier auf Guayaba-Soufflé wird bestraft mit einer Portion, die ich nicht mal zur Hälfte essen kann, vom Schokoladenkuchen mit viel Vanilleeis bleibt dagegen nichts übrig.

Erfüllt von einem scheinbar endlosen Tag motoren wir mit dem Dinghi durch die mondlose Nacht wieder raus zur Chiloë. Nach einem Verbandswechsel, der uns zeigt, dass Jens Wunde den anstrengenden Ausflug offensichtlich gut  überstanden hat, fallen wir um 23h erschöpft und zufrieden in die Koje.  

Am nächsten Tag geht’s weiter nochmal zwei Seetage zum brasilianischen Festland.

 

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One Response to “17. Bericht: Brasilien (1) – Fernando de Noronha”

  1. Sybille sagt:

    Liebe Ariane,lieber Jens!
    Ich will euch nur schreiben,dass ich euer Abenteuer die ganzen Wochen neugierig begleite und sehr froh bin, dass ihr die Überquerung gut überstanden habt. Und es macht richtig Spass, die Berichte zu lesen. Konrad und ich sind gerade in Queenstown und haben auch sehr schöne Tage. Wenn ich also zwischendurch mal was aus Neuseeland sehen mögt: http://www.reisefieber2012.blogspot.com
    Weiterhin alles Güte für euch und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!
    Liebe Grüsse von Sybille und Konrad

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