18. Bericht: Brasilien (2) – Cabedelo

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Von Fernando de Noronha segeln wir in 48 Stunden nach Cabedelo. In der ersten Nacht folgt uns stundenlang achteraus an backbord ein Schlepper, den wir vor Fernando de Noronha mit einer Schute voller Müll ankern sahen. Unzählige rosa Plastiksäcke mit Müll, der nicht auf der Insel recycelt werden kann und ans Festland transportiert wird. Er nähert sich nur sehr langsam, doch dann ist er relativ plötzlich unangenehm nah und seine Fahrtrichtung ist schwer auszumachen. Ich versuche auszuweichen, doch  da hat auch er seinen Kurs geändert. Ich wecke Jens, wir machen zusätzlich die Decksbeleuchtung an, sodass unsere Segel zu sehen sind und wir weichen erneut aus. Der Schlepper leuchtet mit einem Suchscheinwerfer zu uns herüber und wir verstehen endlich seinen Kurs. Nur eine radikale Kursänderung um 90 Grad bringt uns aus der Gefahrenzone, puh – da war nicht mehr viel Spielraum.
Zwei Stunden später kommt uns ein Fischerboot quer vor den Bug gefahren. Angler, 15 sm vor der Küste, in kleinen offenen Booten ohne Licht!, erst bei Annäherung von anderen Schiffen machen sie ein Licht an. Das Ausweichmanöver war nicht weniger knapp, nur waren wir diesmal das größere Boot.

 

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Nach verlangsamter Fahrt, mit 2 Reffs in Groß und Genua nähern wir uns mit 3-4 kn wie geplant zum Sonnenaufgang der Küste. Aus der Ferne erinnert die Skyline von Joao Pessoa an Manhattan. Doch wir fahren passend mit dem Hochwasser bei Cabedelo in den Fluß Paraíbo und 4 sm flußaufwärts bis nach Jacaré. Es soll laut Hafenhandbuch der romantischste Ort Brasiliens sein, wo wir morgens um 8 Uhr Ortszeit festmachen.

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Eine kleine Marina, von Philipe, einem Franzosen, geführt. Gut ein Dutzend Seglerkommen uns entgegen. Eine französische Atlantik-Regatta wie wir später hören und von Cabedelo zum Amazonas fahren. Unserem Einhandsegler Leon, der uns wieder einen Tag folgt, begegnen die zahlreichen Segelboote zu seiner Verwunderung nachts auf dem Atlantik und rauben ihm den Schlaf.

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Neben der Marina Jacaré ist ab 9 Uhr der Bär los. Motorboote verschiedenster Größe werden am Nachbarsteg von einem Trecker zu Wasser gelassen. Knapp 20 Brasilianer sind den halben Tag damit beschäftig, die Boote zu Wasser zu lassen und später wieder raus zu holen. Dabei drehen sie die 200 PS Motoren gern mal richtig auf, rangieren, verankern die Boote und alles bei freudig lauter Musik. Ah – das ist also Brasilien!

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Wir sind mitten in einer Freizeitmeile gelandet. Hier kommen Boots-Besitzer oder Mieter hin, die sich das Wochenendvergnügen leisten können. 500 Meter flussaufwärts kommt dann der Höhepunkt. Hier zelebriert man den Sonnenuntergang, auf brasilianisch. In 4 Restaurants mit Terrassen über den Fluss gebaut gibt’s bis in die Nacht hinein Livemusik. Als Auftakt und besondere Attraktion wird zum Sonnenuntergang der Bolero von Ravel gespielt.

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Der Saxophonist  im weißen Gewand im Canoe stehend, wird  von einem zweiten Mann vor den Restaurants hin und her gepaddelt. Jeden Abend seit über 12 Jahren (damit steht er sogar im Guiness Buch der Rekorde, weit über 4000 mal hat er den Bolero gespielt). Die Melodie wird live über alle Lautsprecher der Restaurants übertragen – echt romantisch inszeniert und am Ufer Imbiss, Kitschstände und Menschenmengen. Wir hören den Bolero auch noch bei uns an Bord.

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Im großen Kontrast zu diesem touristischen Rummel entdecken wir das Straßendorf Jacaré. Eine Reihe bunter Kleinst-Häuser, rechts und links der Straße durch die alle Motorbootbesitzer fahren. In der Dämmerung bei elektrischem Licht kann man in die vorderen, meist nur durch Stoffe abgeteilten Räume gucken – Fernseher, Kühlschrank und Sofa stehen da fast überall. Am meisten beeindruckt mich der Lebensraum eines Fischers, es sieht mehr nach Werkstatt als nach Haus aus. Mitten zwischen Regalen mit allerlei Gläsern und Gerätschaften, Fernseher und im Raum verteilten Netzen ruht er in seiner Hängematte.

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Es ist heiß. Auch bei uns an Bord ist es heiß. Unter Deck nachts 28°, tagsüber bis 35°. Und das trotz Schattensegel, die Jens über´s Cockpit und unserer Schlafkoje verspannt hat. Draußen ist die Wärme (38°) erträglicher, da meist ein Lüftchen weht.  Dennoch – ich bin auch gerne mal unter Deck. Denn ich merke: unter Deck bin ich zuhause und mit zwei Schritten ins Cockpit bin ich in Brasilien – wunderbar, so einfach dazwischen wählen zu können.

 

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Die Karte unseres Brasilien-Reiseführers hat einen brauchbaren Maßstab (1cm=22km), dennoch finden wir viele Orte in unserer Gegend nicht darauf. Dieses Land ist einfach riesig. Brasilien ist in etwa so groß wie alle Länder Europas zusammen, einschließlich Russland oder doppelt so groß wie Indien, 5000 km die längste Nord-Süd wie auch Ost-West Entfernung. Hier im Nordosten gibt’s nichts Besonderes  zu sehen, außer ein paar schönen Stränden sagen Alle. Wir fahren trotzdem los, um zu gucken, wo wir hier gerade leben. Leon hat ein Auto gemietet und um 7 Uhr gehen wir zu Dritt auf Erkundungstour.  Mal sehen was das „Nichts“ zu bieten hat, wie es hier im Landesinneren aussieht, eine Fahrt ins Blaue.

Wir fahren auf einer großen vierspurigen Autopista gen Westen, auf den ungesicherten Randstreifen kommen uns mal Radfahrer, Reiter oder Fuhrwerke entgegen, die von Eseln oder Pferden gezogen werden. Nach knapp zwei Stunden wollen wir Frühstücken. Raststätten gibt es nicht, und selbst Ausfahrten sind selten. Wir finden ein paar Arbeiter am Straßenrand zu einer Ausfahrt, sie zeigen auf ein nahes Haus, wo man frühstücken kann. An der Autobahn lasen wir auf einem Schild: piscina Bar…., doch wo sollte das sein? Kein weiteres Schild, nur dank des Hinweises sehen wir es. Ein Grundstück mit Garten, einer Veranda auf der mehr als ein Tisch mit Stühlen steht, hübsche Blumenbeete säumen den Weg und eine Frau mit drei Kindern, die abwartend schauen. Während wir langsam aussteigen und uns fragend umschauen, kommt ein Mann in Arbeitskleidung und Gummistiefeln auf uns zu begrüßt uns sehr freundlich und bestätigt, ja hier gibt es Frühstück. Wir fühlen uns wie private Gäste, werden zu den Tischen geführt und aus dem Haus  kommt seine Frau herbei. Wir zählen auf, was wir gerne zum Frühstück hätten: Ananas, Brot, Eier, Kaffee.

 

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Und dann geht’s los. Der Bauer schickt jemanden Brot zu holen, bei Verwandten im 500m entfernten Haus. Er geht zur Kokospalme, wir sehen zu wie er mit einer Art Axt Nüsse herunterholt, als erstes bekommen wir dann frische Kokosnussmilch zu trinken. Dann kommt ne Kanne Kaffee, Ananas, Ananassaft, ein Teller mit Früchten, Brot und leckere gebratene Eier. Alles super köstlich. Die Frau zeigt uns die roten Caju-Früchte, von denen wir die Cashewkerne kennen und weist auf die Felder, wo die Ananas wachsen. Dann wird uns die Familie vorgestellt, und ein professionelles Fotoalbum hergeholt, dass die Hochzeit der Tochter zeigt.

Anschließend sind wir eingeladen Haus und Hof anzusehen. Uns werden die fremden Bäume und Früchte vorgestellt und wir werden über die Felder zu verschiedensten Pflanzen geführt. Es gibt eine wunderbare Lektion, alles auf brasilianisch natürlich, wovon wir zwar nur einen Teil verstehen, doch die Erklärungen sind sehr anschaulich. Joao ist sein eigener Herr, er spricht mit großer Liebe zur Natur, bescheiden, aber stolz zugleich – beeindruckend in seiner Ruhe und Zufriedenheit.

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Wir sehen erstmals Felder mit Ananaspflanzen, Yams und Maniok und einen Vanillebaum. Nach gut zwei Stunden geht’s weiter, ein Schauer beendet unseren Rundgang auf dem uns mehrere Kilo Maniok und Yamswurzeln mit bloßen Händen ausgegraben wurden und wir für unterwegs noch drei Kokosnüsse und super leckere Ananas geschenkt werden. Zahlen dürfen wir nur das Frühstück, reich beschenkt verabschieden wir uns und fahren weiter. So beginnt unser Tag mit einem Höhepunkt, der ein vielfaches intensiver war, als touristische Attraktionen.

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Wir fahren weiter ins Land, die Landschaft wechselt, es wird hügelig und wir fahren durch riesige Zuckerrohrfelder.

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Am Rio Paraíbo weit flußaufwärts von unserer Marina machen wir einen Stopp schauen einigen Jungs, die durch den Fluss waten beim Fischfang mit Wurfnetzen zu.

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Wir essen in einem Kilo-Restaurant. Diese Lokale sind prima, es gibt freie Auswahl am Büffet und man bezahlt nach Gewicht, hier im Landesinneren auch noch sehr günstig, für 3,50 € pro Person.
Zum Abschluss des Tages sind wir wieder an der Küste und schauen ein paar Strände südlich von Joao Pessoa, unserer nächsten größeren Stadt an. Nette kleine Bars am Strand, eine Flußmündung und ein wenig Steilküste, wo Leon gerne Drachenfliegen möchte. Doch dazu ist heute leider zuviel Wind und der dann auch noch aus der falschen Richtung. 

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Wir leben ein recht geselliges Leben in der französisch geführten Marina, in der zur Zeit viele Franzosen leben. (So bleiben auch hier in Brasilien unsere Französischkenntnisse weiterhin gefragt.) Eines Tages beobachte ich wie im Fitnessraum massiert wird. Callune, ein allein segelnder Franzose in unserem Alter, gibt energetische Massagen. Jens wird durch seine magischen Hände seine schmerzenden Verspannungen in der Schulter los und ich komme ebenfalls in den Genuss seiner Massage. Simon, ein Freund von ihm, ist ausgebildeter Feuerwehrmann. Er schaut sich Jens Brandwunde an, versorgt sie fachmännisch und gibt uns/mir Tipps zur weiteren Behandlung der Wunde. Als Wellcome-Party für seine Frau und einen Freund arrangiert Leon einen Grillabend, an dem wir mit sieben Franzosen zehn Langusten verspeisen.

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Christoph,  unser TO-Ansprechpartner, (Trans Ocean e.V.) lebt seit über 10 Jahren auf seinem Katamaran in Brasilien und ist ein äußerst entgegenkommender und freundlicher Mensch. Er gibt uns manche gute Tipps, hilft Jens beim Austausch des Impellers und versorgt uns zudem mit gefiltertem Frischwasser. Kurz vor unsere Weiterfahrt lernen wir Ewen und Cyntia von der Ashanti kennen. Beim dänischen Einhandsegler hat eine brasilianische Frau angeheuert. Endlich mal eine Brasilianerin! Ich freue mich darüber, gehe mit ihr Fisch kaufen und lasse mich in die brasilianische Küche einführen. Eigentlich ist Cyntia Künstlerin und erfolgreiche Dozentin und zeigt uns einige ihrer Arbeiten. Die Ashanti ist auf dem Weg nach Norden, zu den Azoren und Ewen gibt uns gleich einige Tipps für unsere Reise nach Süden. Schon jetzt wissen wir, dass wir auch in der Bucht von Salvador wieder nette und hilfreiche Menschen treffen werden.
So geht es dann nach 12 Tagen in der Marina Jacaré und leben auf dem Fluß Paraíba weiter gen Süden. Wir freuen uns – endlich wieder auf dem Meer!!!

 

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