23. Bericht: Guarapari bis Rio de Janeiro (6.-22. 04.12)

Dienstag, 3.4.12
Endlich Wind und wir können weiter. Anker auf  mit Schwierigkeiten: die Ankerkette hat sich um zwei Korallenköpfe gelegt. Jens taucht, Stefan von der Runaway kommt ihm dabei zur Hilfe und ich am Ruder. Tauchen und anheben und schließlich unter Motor darüberfahren, so schaffen wir es zu Dritt den Anker los zu bekommen. Bei einem angenehmen Ostwind (4 Bft.) segeln wir Tag und Nacht 4sm vor der Küste gen Süden Richtung Rio.

Mittwoch, 4.4.12
Vormittags schwächelt der Wind, d.h. acht Stunden motoren. Als am Nachmittag der Ostwind auf 3-4 Bft. zunimmt, freuen wir uns den Spi setzen zu können und sanft dahin zu rauschen. Mit Einbruch der Dunkelheit segeln wir mit der Genua weiter, denn der Wind nimmt zu. Bevor wir als nächstes Cabo Frio runden, holen wir uns unterwegs übers Satellitentelefon den neusten Wetterbericht bei Martin, Jens Freund, der immer wieder sehr zuverlässig den Wetterdienst für uns auf See macht. Der Wind soll weiter zunehmen, und es ist unklar, ob bei der Vorhersage, der Kap-Effekt (Windverstärkung) berücksichtigt ist. Die kurzen Wellen sind schon jetzt unangenehm und ca. 2m hoch und so beschließen wir über Nacht in Buzios zu bleiben, soll auch ein touristisch geschätzter Ort sein, zwei Kreuzfahrtschiffe kamen uns von dort entgegen. Im Wiederschein der Uferbeleuchtung, suchen wir uns zwischen Ausflugsschonern und Segelyachten ein freies Plätzchen und um 22 Uhr liegen wir vor Anker. Die letzten 32 Stunden haben uns schon mal 163 sm vorangebracht; um sicher zu reisen, verzichten wir darauf non-stopp zu fahren. 

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Donnerstag, 5.4.12
Buzios sehen wir nur vom Wasser aus, durchs Fernglas. Bevor wir weitersegeln, wollen wir noch Telefonieren und dazu machen wir den PC an – welch Glück, wir bekommen ein Netz und empfangen Skype. Thomas hat uns nach Belo Horizonte eingeladen und Jens telefoniert mit ihm, da er für uns nach billigen Flüge sucht. Ja, es wäre schön Ostern dort zu sein und wir hoffen, dass rechtzeitig in Rio einzutreffen, noch 90 sm bis dahin.

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Los geht’s unter Motor, kaum Wind an dem gefürchteten Cabo Frio, aber eine gute Sicht auf die faszinierende bergige Küste. Wie schön, diese tolle Landschaft nun bei Tageslicht zu sehen, wir fahren durch den Boqueirao und machen eine Pause in der von Bergen umschlossenen Bucht.

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Zur Kaffezeit machen wir eine Pause und ankern in der rundum von Bergen umschlossenen Bucht mit einer Sanddüne. Natürlich – keine Frage, dass wir hier erst mal ne Runde Schwimmen. Das Wasser ist erfrischend, aus dem tropischen Norden kommend, ist eine Wassertemperatur von 24 ° für uns jetzt angenehm kühl, badeten wir doch schon in  29° „Bade“wasser. Nach dieser Erfrischung, Sundowner und Abendessen nehmen wir dann um 20 Uhr Abschied von dieser traumhaft schönen fjordartigen Landschaft, einem spannenden Segelrevier. Das Wasser ist soo glasklar, dass wir sogar bei Mondschein bis auf den 7 Meter tiefen Meeresboden blicken können. Dann motoren wir wieder raus aufs Meer, jede Menge kleiner Fischerboote leuchten an der Felsüste mit großen Scheinwerfern ins Wasser, Pulpofischer.

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Auf See wird es ca. 2 Meter überm Wasser neblig. Dabei stellt Jens fasziniert fest: an den Füßen ist´s kalt und streckt man die Hand nach oben aus, ist´s warm. Kaum zu glauben wie spürbar es ist, dass sich die kalte südliche und die warme nördliche Meeresströmung hier am Cabo Frio begegnen.      

Karfreitag, 6.4.12
Ohne Wind motoren wir durch die Nacht, nur 3 sm vor der Küste. Der Nebel löst sich auf, die Sicht wird etwas besser. Morgens um halb drei eine halbe Stunde vor Wachwechsel, ein schriller Piepton, nach ein paar Sekunden habe ich das Signal geortet – zwei Alarmlampen des Motors leuchten. Ich wecke Jens, „Motor aus!“ sagt er, noch bevor er steht. Jens ist augenblicklich hell wach und diagnostiziert recht bald: der Motor ist heiß, bekommt kein Kühlwasser. Der Seewasserfilter ist sauber, also baut er die Wasserpumpe aus und nimmt sie auseinander. Auf dem Fußboden sitzend, mit Kopfleuchte arbeitend, findet er schließlich – eine Befestigungsschraube der Riemenscheibe hat sich gelöst, so dass der Antrieb für den Impeller versagte. Nach einer Stunde ist der Motor repariert und läuft wieder. Glücklich über die vielseitigen Talente dieses Künstlers, lege ich mich dann um halb sieben in unsere Seekoje. Es geht langsam voran, wir machen gerade mal 4 Knoten Fahrt. Das Panorama einer bergigen Küstenlandschaft mit abwechslungsreichen Gipfelformationen und endlose Sandstrände begleiten uns.

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Gegen 14 Uhr kommt der Zuckerhut in Sicht. Der Himmel ist bedeckt, die Sicht ist mäßig. Das hatten wir so nicht gebucht, in den Reiseprospekten sieht das anders aus, kein gutes Fotowetter. Doch als wir in die Guanabara  Bucht hineinfahren kommt Wind auf. Mit einem frischen Südwestwind und einem guten Schiebestrom rauschen wir mit (seit der Elbe nicht erreichten) 8 Knoten Geschwindigkeit, in die Bucht von Rio de Janeiro, ein besonderes Etappenziel.

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Am Nachmittag machen wir in Niteroi, auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht, fest. Hier liegt der uns empfohlene Club Naval Charitas, in dem wir glauben unsere Chiloë gut und sicher zurücklassen lassen zu können, wenn wir für einige Tage nach Belo Horizonte fliegen. Ob wir es noch schaffen, heute nach Belo Horizonte abzureisen? Jens kommt mit ernüchternden Informationen aus dem Marinabüro zurück. Sie leiten unsere Schiffspapiere gleich weiter, und wir haben uns am Montag, (dem nächsten Arbeitstag) bei den Behörden anzumelden. Aus der Traum von Ostern mit Familienanschluss in Belo Horizonte. Denn ohne offizielle Einreise gleich eine Woche wegzufahren, das ist uns zu riskant. So nutzen wir die Zeit und verbringen Ostern in Rio.

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Am nächsten Tag (7.4.) machen wir uns auf zum Museum für Zeitgenössische Kunst in Niteroi. Schon bei unserer rauschenden Einfahrt in die Bucht zog dieses Gebäude von Oscar Niemeyer in exponierter Lage unsere Blicke magisch an, ein Hingucker für Jeden und eine echte Landmarke. Das skulpturale Gebäude ist Rund und über Rampen erschlossen wie das Guggenheim in New York. Wir widmen uns zunächst der Kunst (überschaubar auf zwei Etagen), doch die Architektur und vor allem die Ausblicke lohnen eine extra (Foto-) Runde durchs Museum. Ein wunderbar entspannter Einstieg in das Kulturleben von Rio und Umgebung.

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Ostersonntag (8.4.) lassen wir ruhig angehen, nach drei Segeltagen und -nächten tut das gut. Am Nachmittag fahren wir mit der Fähre rüber nach Rio de Janeiro.

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Wir fahren ins Museum für Moderne Kunst, ein rationalistischer Bau der 60er Jahre, mit einer Sammlung brasilianischer Kunst. Eine spannende Sonderausstellung (Fernanda Gomez) mit überwiegend kleinen, minimalistischen Objekten füllt eine riesige Halle. Jens entdeckt hier Licht und Schattenphänomene und fotografiert, während ich mich der brasilianischen Moderne widme.

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Im opulent geschmückten Museumsrestaurant wird abends eine Hochzeit gefeiert, so ziehen wir nach Lapa, in das angesagte Szeneviertel, um den Tag bei Bier und Sambamusik ausklingen zu lassen.

Ostermontag (9.4.), ein Arbeitstag: Jens braucht fast den ganzen Tag, uns und das Schiff im Bundesstaat Rio anzumelden. Ein- und Ausreisestempel fürs Schiff bei der Policia Federal und Stempel bei der Capitania/militärische Küstenwache; (bei Ein-und Ausreise ins Land kommen noch der Zoll und Stempel in die Reisepässe hinzu). Dieses Prozedere ist in jedem Bundesstaat zur Ein- und Ausreise nötig und wir passieren immerhin 11 von 27. An Ankerplätzen fragt da allerdings niemand nach und bei kürzeren Liegezeiten haben wir auf diese aufwändige Prozedur gern verzichtet. Als Jens nachmittags (nach 8 Stunden) wieder an Bord kommt zieht gerade ein Gewitter auf. Damit ist es zu spät, um heute noch wie geplant einen Ankerplatz in Rio aufzusuchen.

Dienstag (10.4.) Im Club Naval Charitas in Niteroi gibt’s ein anderes Preissystem als wir es aus Europa gewohnt sind. Die ersten 3 Tage sind recht preiswert, danach verdoppelt sich die Liegegebühr. Da unser Belo Horizonte Aufenthalt verschoben ist, gehen wir jetzt gerne vor Anker. In Itaparica (Salvador) hatte uns Brian eine kleine Ankerbucht in Urca empfohlen. Wirklich ein super Tipp!

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Sicher und schön, direkt unterm Zuckerhut! Wir treffen dort auf ein bekanntes Schiff, die Marty Mc Fly. Außer ihr liegen nur 2 brasilianische Yachten hier. Bald paddeln wir zum Strand und gehen nur 50 Meter bis zur nächsten Bushaltestelle. Von dort kommen wir direkt in die Innenstadt und machen einen kleinen Ausstellungsbummel durchs Centro Cultural del Banco Brasil und angrenzende Galerien, ein schönes Viertel recht europäisch.

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Mittwoch (11.4.) Für heute steht der botanische Garten auf dem Programm, ein historischer Park und einer der größten in Südamerika. Ich hoffe dort Namensschilder zumindest für einige der vielen für mich exotischen Bäume zu finden. Doch da habe ich eins nicht bedacht: hier ist was anderes exotisch, vor allem Bäume aus Asien sind ausgeschildert. Zudem ist die Beschilderung ohnedies sehr sparsam. Beeindruckend sind besonders die alte, riesig hohe Palmenallee und die größte Seerose der Welt (Victoria amazonica) und einige sehr exotische Früchte. Daneben entdecken wir Büschelohräffchen und vielerlei Vögel.

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Im Anschluss gönnen wir uns einen Nachmittag am Strand – natürlich ein Pflichtprogramm in Rio, Leblon, Ipanema und Copacabana!  Doch es ist weder Saison noch Wochenende und von den legendären Schönheiten kriegen wir nichts zu sehen. Jens geht Baden, große Brandungswellen, Wellenreiten statt Schwimmen ist angesagt. Ich wage mich zumindest kurz ins kühle Nass.

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Am Donnerstag (12.4.) stehen wir früh auf, um 6 Uhr gehen wir Anker auf, um zurück nach Niteroi zu fahren, denn heute verreisen wir! Nachmittags gehen unsere Flüge nach Belo Horizonte. Chiloë soll im Club Naval Charitas von Niteroi bleiben. Gerade als wir die Bucht queren sehen wir Segelboote von See aus kommen. Jens greift erst zum Fernglas und dann zur Funke. Ja – es sind die Santana, Aldo und die Runaway, die da nach Rio einfahren. Schnell ist abgesprochen, dass wir eine Aufsicht für Chiloë in Urca haben können. Während Jan (Santana) und Jens noch sprechen, lege ich schon die Pinne über und es geht wieder zurück zum Ausgangspunkt. Wunderbar, dass sich unsere stille Hoffnung erfüllt hat. Es hätte nicht besser kommen können, als mit wachsamen Nachbarn Chiloë eine Woche vor Anker (gratis) liegen zu lassen. Zudem bringt Jan uns und unser großes Gepäck mit seinem Dinghi zum Strand, so dass unseres in dieser Zeit sicher an Deck liegen kann. Es ist aufregend mehrere Tage zu verreisen, besonders für Jens, denn er hat das Schiff seit 9 Monaten nur für eine einzige Nacht (auf La Gomera) verlassen.

Freitag, (20. 4.) zurück aus Belo Horizonte. Wir müssen weiter nach Süden, aber möchten auch noch etwas mehr von Rio sehen. Heute besuche ich das Museum der Schönen Künste. Nicht so umfangreich wie gedacht, aber interessant, um ein bisschen brasilianische Kunst zu studieren. Eins wird mir dabei schnell deutlich, die brasilianische Kunstgeschichte ist jung und umfasst gerade mal 200 Jahre, und die habe ich bald überblickt. In der Nachbarschaft noch ein paar imposante Kolonialbauten.

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Nachmittags treffe ich mich mit Jens, Jan und Trees zum Kaffeetrinken in dem berühmten alten Cafehaus, der Confeitaria Colombo, und nach kurzem Zögern lassen wir es uns bei kleinen Erdbeertörtchen gut gehen. 

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Abends ziehen wir dann zu Viert nach Lapa und zeigen unseren Freunden ein bisschen Nachtleben, wir wollen es auch nochmal sehen, denn Ostersonntag war´s etwas ruhiger als gewöhnlich. Wow, jetzt sind plötzlich zig Kneipen mehr da! Und es ist so voll hier, dass tatsächlich um 22 Uhr die Autos von den Straßen verbannt werden und das Viertel für den Rest der Nacht ganz der Szene gehört. Mit Bierdosen von fliegenden Händlern flanieren wir herum, und schauen und hören uns das Nachtleben zumindest die halbe Nacht an. Um 3 Uhr fallen wir in die Koje, so ein Stadtleben sind wir nicht mehr gewohnt.
 

Samstag (21.) und Sonntag (22.) verbringen wir mit den Vorbereitungen der nächsten Seestrecke.  Obst, Gemüse und weitere Vorräte einkaufen, Strecke planen, Schiff vorbereiten und vor allem den Wetterbericht besorgen. Das ist mal wieder nicht so einfach, denn wir haben kein Internetzugang am Ankerplatz und zu unserer Überraschung ist der Samstag ein Feiertag und in der Innenstadt ist fast alles geschlossen. Wir entdecken ein schönes altes Gebäude mit einer interessanten Skulpturenausstellung samt kleinem Lesesaal mit Wifi und 2 Computern. Nach einiger Wartezeit funktioniert dann ein Emailcheck und wir bekommen den Wetterbericht an einem freigewordenen Rechner. Sonntagnacht soll’s endlich etwas Nordwind geben, so dass unserer Weiterreise nichts mehr entgegen steht (bzw. weht).

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