28. Bericht: Von Montevideo nach Buenos Aires (24.-04.06.2012)

Am 23. Mai ist es soweit, wir fahren nach Argentinien. Jetzt ist es wirklich nur noch ein Katzensprung, 135 sm bis La Plata, einmal diagonal über den Rio de la Plata, etwas mehr als eine Tagesreise.  Jens ist unterwegs und macht die Ausreisepapiere fertig, ich bereite die Abfahrt vor. Mittags um 12 Uhr segeln wir bei einem leichten Südwind (2-3 Bft.) los, immer wieder schön, wenn die Segel stehen und wir den Motor ausmachen können. Wir genießen das Segeln am Nachmittag, Flaute ist angesagt und zum Einbruch der Dunkelheit ist der Motor dann auch wieder gefragt. 


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Unsere vorerst letzte Nachtfahrt. Schade, ich liebe die Nächte auf See und die Fahrt in die endlose Weite. Aber damit ist´s hier auf dem Rio de la Plata jetzt auch vorbei. Die Lichter der Küste begleiten uns am Horizont durch die Nacht.  17 Stunden unter Motor, bedeckter Himmel, aber der Winter hat zumindest gemäßigte Temperaturen.

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Unser nächstes Ziel liegt am Kanal, wir müssen landeinwärts. Wie überall  stehen auch hier Angler am der Uferböschung. Nach 1 Meile kommen wir zur Kreuzung, an der Werft biegen wir rechts ab. „Astillero Rio Santiago“ ist die größte Werft Südamerikas, wir staunen als wir dies im Handbuch lesen, ist doch größer als gedacht.

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Bei einsetzender Dämmerung erreichen wir unser Ziel. Nein jetzt fahren wir nicht in den schmalen Seitenkanal, um den von Werner (in Piriapolis) empfohlenen kleinen preiswerten Yachtclub anzuschauen. Wer weiß wie flach das Wasser da drinnen ist. Also zum Club de Regatas direkt am Kanal. Anlegen in Boxen wie in der Ostsee, wir wählen die schönste freie Box und Jens macht die Leinen fest. Zwei Segler von einem Nachbarschiff nehmen Leinen an und begleiten Jens auf dem weitläufigen Parkgelände zum Büro. Angenehme Überraschung, Schiffe mit ausländischer Flagge liegen die ersten zwei Tage kostenfrei hier, das ist ja eine nette Geste und echte  Gastfreundschaft. Sie kommen zu Dritt zurück an Bord, Julio und Alberto dirigieren uns zum nun zugewiesen Liegeplatz ein paar Stege weiter. Sehr hilfsbereit diese Argentinier.

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Im letzten Dämmerlicht machen wir einen kleinen Spaziergang über das Gelände. Sieht aus wie an der Außenalster, falsch navigiert? Ständ da nicht ne Palme auf der Wiese, könnte es wirklich in Hamburg sein.

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Das Clubgebäude gefällt mir, sieht nach klassischer Moderne aus wie sie in den 20er Jahren in Holland gebaut wurde. Exotik? Seit dem Süden Brasiliens als das Wetter grauer und kühl wurde, ist´s vorbei damit. Das Land, vor allem die Architektur wird immer vertrauter und Europa ähnlich.
Unser Abend wird nicht lang, wir essen leckeres Steak und trinken preiswerten Wein aus Uruguay und fallen um zehn Uhr müde in die Koje.

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Am Samstagmorgen (26.) haben wir Programm: mit unseren Rollern kommen wir bequem zur ca. 2km entfernten Bushaltestelle, ohne das nötige Kleingeld fahren wir gratis mit dem Bus nach Ensenada, einem Vorort von La Plata. Dort rollern wir zur Prefectura und Immigration im Hafen. Es klappt alles schnell und gut, schön entspannt, wie meist in den kleinen Orten, nur der Zoll hat geschlossen. Schade, dass ist das Wichtigste. Das geht erst am Montag, aber wir fahren trotzdem morgen weiter nach Buenos Aires, denn unsere Ankunft haben wir bereits für Sonntagnachmittag angekündigt.

Nach Einkauf und Internetcafe schauen wir uns die kleine Marina Mome an, die preiswert sein soll, wie Werner in Piriapolis erzählte. Das Wasser in dem schmalen Seitenkanal muss jedenfalls tiefer sein als wir fürchteten, denn es liegen auch etwas größere Yachten hier.

Ist das Wasser tief genug und gibt’s hier einen Liegeplatz für mehrere Monate ? Das sind unsere Fragen. Die Antwort zur Wassertiefe haben wir jetzt schon mehrfach gehört. Der Wasserstand ist kaum abhängig von den Gezeiten, vielmehr vom Wind. Bei Nordwind gibt’s genug Wasser, bei Südwind wird das Wasser rausgeblasen, da kann es überall in den La-Plata-Gewässern unpassierbar flach werden. Jetzt sammeln wir nur Informationen, entscheiden werden wir später.

Zurück in der Marina bedanken wir uns nochmal für die freundliche Hilfe am Vortag bei Alberto und Julio und laden sie auf ein Glas Wein zu uns ein. Sie kommen als wir schon nicht mehr mit ihnen gerechnet haben und gerade anfangen wollen zu kochen. Bei Rotwein und Erdnüssen erzählen wir woher wir kommen. Na klasse, sie sind begeistert und interessiert, denn ihr Revier ist (nur) der Rio de la Plata. Alberto lädt uns zum Essen zu sich nach Hause, ins 10 km entfernte La Plata ein (Fahrservice inklusive).  Wir schauen uns an – na klar, con mucho gusto. Wir  haben uns soo viel für diesen letzten Abend vorgenommen, doch wir nehmen das Leben lieber wie es kommt.

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Und welche Überraschung. Alberto und Julio machen eine Stadtrundfahrt mit uns und es gibt echt was zu sehen. Eine schöne parkartige Innenstadt, die größte Kathedrale des Landes, ein bemerkenswertes Naturkundemuseum. Ich frage nach moderner Architektur, und siehe da, kurz danach stehen wir vor einem Haus von Le Corbusier, dem einzigen, das er in Amerika gebaut hat, unbedingt sehenswert, zumindest für uns, Corbusier selbst hat es nie gesehen.


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Um halb zehn sind wir dann bei Alberto zu Hause. Seine Frau ist Architektin, Studienkollegin von Julio, der Umbau des alten Hauses ist ihr Werk, modern, offen und schön. Es gibt viel Kunst und die Tische sind so leer wie unser Magen. Beim leckeren Glas Wein werden wir gefragt, was wir essen möchten, also es gibt doch was, wir sind beruhigt und um halb elf erfreuen wir uns dann an den gelieferten Empanadas. Die emanzipierte Frau kocht hier wohl ebenso selten wie in Brasilien, wer keine Haushälterin hat, lässt kommen oder kauft vorgekochte Speisen zum Aufwärmen ein. Um halb eins sind wir von unserem unverhofften Welcome-Abend zurück an Bord. Was für eine Ankunft in Argentinien.

Sonntag (27.) Frühes Aufstehen (6.30 Uhr) und um kurz vor acht machen wir uns auf zu den letzten Meilen nach Buenos Aires.

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Der Wind bläst recht kräftig mit 5-6 Bft. von vorne (Norden). Wir kreuzen die 2 sm unter Segel und Motor, um aus dem engen Kanal raus zu kommen und uns in den kleinen steilen Wellen nicht fest zu stampfen. Nach der Ansteuerungstonne können wir dann abfallen auf einen bequemen Halbwindkurs entlang der argentinischen Küste. Der Himmel ist bedeckt, es ist grau aber immerhin noch 20 Grad. Bis mittags können wir bei langsam abnehmenden 4-5 Windstärken nochmal richtig schön segeln, wobei wir jetzt in unserem vollen ‚Dress‘ doch etwas wehmütig an das Segeln im warmen Basilien zurück denken.

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Nachmittags um halb drei kommt die Skyline von Buenos Aires in Sicht. Moderne Hochhäuser von Puerto Madero, dem ehemaligen Hafen, Schornsteine und Kräne vom aktuellen Hafen.

Carola, Künstlerin und Freundin hat für uns telefoniert. Puerto Madero ist das Pendant zur Hafencity Hamburg, und das sollte eigentlich unser Zielhafen sein. Doch da gibt es keinen Platz. Nebenan im Yachtclub Argentino  gibt’s auch keine freien Plätze und so ist nun der Hafen von Nuñez unser Ziel. In diesem Stadtteil, der noch zur Capital Federal gehört, liegt auch das Atelier von Edgardo, in dem Jens arbeiten wird. Dieser Hafen wäre also längerfristig sowieso praktisch für uns. Wir haben die Zusage für zwei Tage, bis Dienstag. So schwierig hatten wir uns das nicht vorgestellt einen Liegeplatz zu bekommen und außer in La Graciosa haben wir auf der ganzen Reise keine Probleme damit gehabt. Aber hier in Buenos Aires liegen viele tausend Segelyachten auf ca. 30 Marinas verteilt und viele Gastsegler kommen hier offenbar nicht vorbei.

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Nach 10 Monaten 10 Tagen und 10 Stunden seit Hamburg, machen wir in einer Box mit Heckpfählen, wie in der Ostsee, fest. Wir sind ein bisschen früher als angekündigt und haben noch etwas Zeit klar Schiff zu machen, bevor unsere Begrüßungsparty beginnt. Cristina, Edgardo und Carola mit Mann Sergio und Tochter Florencia, Jens Künstlerfreunde in Buenos Aires, sitzen wenig später im Cockpit. Sie haben Berge von Sandwiches und eine riesige Ensaimada mitgebracht.     

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Es ist ein fröhliches Wiedersehen, alle drei waren auf Vermittlung von Jens schon in Deutschland und Carola kannte ich daher bereits. Unvorstellbar für sie, dass wir die ganze Reise mit dem kleinen Boot gemacht haben, unfassbar, dass wir nach 10 Monaten nun wirklich angekommen sind.


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Die erste Woche in Buenos Aires vergeht wie im Flug. Am Montag (28.) holt Carola uns mit ihrem Auto an der Marina ab und wir fahren gemeinsam zu Edgardo in unser neues Atelier zur Schlüsselübergabe. Edgardo Madanes ist auch Bildhauer, er hat gerade ein neues Atelier bezogen. Im alten hat er eine Werkstatt, in der er an drei Tagen Kurse gibt und sein ehemaliges Atelier im 1. Stock darüber steht nun leer. Es traf sich gut, dass er uns während der Reise davon berichtete und Jens gleich sein Interesse anmeldete, diesen ihm von seiner Reise 2006 bekannten Raum für zwei Monate zu mieten. Kaum am Ziel haben wir nun schon einen eigenen Wohnsitz an Land, ein großes helles Atelier mit 62 qm, inkl. Bad und Küchenmitbenutzung. Aber mit dem Umziehen haben wir es noch nicht so eilig, das Schiff bleibt vorerst unser Zuhause, und es gibt dort genug zu tun.


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Am Dienstag scheint die Sonne, das nutzen wir erst mal um unsere ganze Wäsche an Deck auf zu hängen und zu trocknen. In den letzten zwei Wochen war es doch nicht nur kalt, sondern auch überwiegend bedeckt, so dass wir jetzt unsere Betten und Matratzen mal lüften und durchtrocknen lassen.

Am nächsten Tag fährt Jens dann mit dem Bus nach Ensenada de La Plata zum Zoll. In Ensenada, wo wir bereits die anderen Stempel bekommen haben, sitzt auch der Zoll. Dort holt Jens nun den noch fehlenden Einreisestempel fürs Schiff. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kommt er spätnachmittags  zurück an Bord.  
Die frohe Botschaft, wir haben 8 Monate!, die längst mögliche Aufenthaltserlaubnis für unser Schiff bekommen. Die unerfreuliche Nachricht, er hat sein Handy im Taxi verloren. So ein Ärger, 300 Telefonnummern weg und nicht mehr erreichbar, ihn ärgert vor allem, geschäftlich nicht mehr erreichbar zu sein. Während Jens die notwendigen Papiere erledigt, koche ich endlich Marmelade aus den noch in Brasilien dafür gekauften Limonen, lecker! Abends sitzen wir dann wieder mit Heizlüfter und dicken Socken unter Deck und ich denke, Reiseberichte schreibend, an wärmere Zeiten in Brasilien zurück. Eigentlich wollen wir es nicht wahrhaben, dass es in Argentinien Winter mit Temperaturen bis zu Null Grad gibt. Da tröstet es uns auch wenig zu hören, dass das nur kurze Kältephasen sind.

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Es gefällt uns gut in der Marina von Nuñez. Wir haben einen Liegeplatz mit Blick durch die Hafeneinfahrt auf den Rio de la Plata und wir liegen mit dem Cockpit nach Norden, sodass die Sonne den ganzen Tag hereinscheint und uns wärmt. Jeden Morgen fliegt ein Schwarm kreischender Papageien über uns hinweg, abends kehren sie zurück, wir sind am Rande der Großstadt und leben doch noch in der Natur.

Und nicht zuletzt werden wir sehr freundlich aufgenommen. Carlos Menendez, der Capitano der Marina und die entscheidende Person hier im Hafen, hat uns für Freitag zum Essen auf seine SY Gaucho eingeladen. Mit uns kommen zwei weitere Gäste, Luis und Yvonne, sie ist in Deutschland geboren. Zu fünft verbringen wir einen netten Abend, essen sehr leckere selbstgemachte Pizza und erzählen. Wir erfahren, dass wir mit unserem Schiff auch längere Zeit in dieser Marina liegen bleiben können und das zu einem sehr guten Preis. Die erste Woche ist für Gäste sogar kostenfrei. Bisher hatten wir über Liegeplatzkosten noch nichts erfahren, es gibt wohl nur selten Gäste hier.

Am Sonntag machen wir mit Carola einen Ausflug ins Tigre-Delta. Eigentlich wollten wir hier heute mit Carola und ihrer Familie zum Yachtclub Barlovento segeln, aber es war echt kalt, und vor allem, der Wasserstand in unserer Hafeneinfahrt war soo niedrig, dass wir gar nicht rausfahren konnten. So schauen wir uns den oft empfohlenen Yachthafen in Barlovento und einige andere Marinas von Land aus an. Keiner gefällt uns so, wie unser sonniger Liegeplatz in Nuñez, sie alle liegen in der Provincia Buenos Aires, also weiter außerhalb und sind obendrein noch teurer. Glücklich und zufrieden kehren wir abends zurück an Bord. Die Frage wo das Schiff bleibt, wenn wir zurück nach Deutschland gehen, hat sich damit schon weitgehend geklärt.

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Damit können wir uns jetzt langsam anderen Dingen zuwenden. Jens hat bereits erste Termine in einem Museum und mit seiner Galeristin. Und schon am Montagabend (4.Juli) gibt es zwei Ausstellungsangebote. Das Museum Larreta bietet die Möglichkeit, in seinem Skulpturengarten die große Installation transartlantico zu präsentieren. (Das wäre das Pendant zur Auftaktveranstaltung in Hamburg.) Und zum Abendessen treffen wir uns mit der Galeristin Luisa im Bistro Jolie zum Abschluss einer Ausstellung. Das Bistro stellt jeden Monat ein Kunstwerk aus und produziert dazu einen Künstler-Teller, der mit dem Menu des Monats erworben werden kann. Eine originelle Idee zu einer interessanten Speisekarte. Die Idee gefällt uns, und der Besitzer ist interessiert Jens in seine Reihe aufzunehmen.

Puuh, so schnell zwei Ausstellungen, dann mal ran an die Arbeit – manos a la obra, wie man hier sagt.

   

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